Klaus Otte - Interreligiöser und interkonfessioneller Dialog »

Das Journal

Lehm – Urstoff – „ In den Religionen“ – In der Religion

Von Klaus Otte geschrieben am: 25.02.2011 unter Veröffentlichungen

Von Klaus Otte

(Erschienen in veränderter Form in: Pilz, Achim (Hrsg.): Lehm im Innenraum. Eigenschaften, Systeme, Gestaltung. Stuttgart 2010.)


‚Lehm’ ist heute ein Hit in der avantgardistischen Bau-Kultur. Schon die Erwähnung dieses archaischen Materials scheint oft emotional Faszination und Wohlbefinden hervorzurufen. ‚Lehm’ erinnert an uralte Berichte vom Ursprung der Welt. ‚Lehm’ meint irgendwie zutiefst Religion, wie sie sich in ihren Mythen und Ritualen zu erkennen gibt.


Urtümliche Energien werden in moderner Wohnkultur erneut erweckt und vergegenwärtigt. Wer in einem Öko-Haus aus solchem „Mutter-Stoff“ ‚Lehm’  wohnt, genießt sowohl die ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten als auch die seelisch-körperlichen Wohltaten, die dieses Bau‚mater’ ial bieten kann. Schönheit und Existentiale verbinden sich miteinander.


Im Reiz und in der Geborgenheit einer solchen ökologisch verantworteten Architektur aus Lehm und  anderem natürlichen Material im Westerwald wird der vorliegende Beitrag für die Publikation  „Lehm im Innenraum“ geschrieben. Die Färbung des Lehmputzes mit gemahlenen Halbedelsteinen in Grün-, Purpur- und Weißtönen wirkt auf den Verfasser dieser Zeilen ein.


Die wellenförmigen Verzierungen der Lehmwände mit gesammeltem kleinem maritimem und  archäologischem Gebrösel aus aller Herren Länder in der ‚Graubündner Arvenstube’ zaubern einen Hauch von uriger Globalität ins Haus. Die marmorn blau-grün-rot  glänzenden Tadelaktflächen in  Bad und Sauna, dazu die warmen Holz-Riegel-Lehmstein-Kombinationen strahlen ihren wohlig warmen Charme auf uns aus: Ein stiller Protest gegen seelenlos kalte Eisenbeton-Diktatur? Oder doch Brücke zwischen Urzeit und moderner Sachlichkeit – zwischen Lehm und Beton, zwischen humaner Phantasie und Notwendigkeit des Konstrukts? 


Was auch immer! Welch ein Abstieg in die Vergangenheit und welch ein spannender Aufbruch in die Zukunft gesunden Bauens! Die Materie „Lehm“ überbrückt anscheinend unendliche Gräben in Raum und Zeit. Was einst war, wird einst in Ewigkeit sein: „olim“ – „ad olam“ (einstmals – dermaleinst – in Ewigkeit). Auch wenn nach biblischem Zeugnis „ein neuer Leib“ geschaffen werden soll – wird er auch aus Lehm sein wie der erste?  Zunächst geht es jedoch um den jetzt leiblichen Menschen und um  seine häusliche Umhüllung, um seine Existenz und um seinen Lebensraum. Das Wohnen im Haus von Raum und Zeit braucht seine heilsamen Dimensionen: Der Mantel aus Lehm gehört anscheinend unvermeidlich dazu. Lehm schafft ein besonderes Wohlbefinden und  klare Zukunft.


Lehm – Urstoff der Einwohnung des Lebens in Raum und Zeit


Lehm ist wie Leim: er bindet und verbindet, er schafft Harmonie zwischen göttlicher Schöpfung und Menschendasein – zwischen Natur und des Menschen, zwischen Konstrukt und Produkt- Er überbrückt das „Zwischen“  von Gott und Geschöpf. Im biblischen Schöpfungsbericht schlägt sich seine Genese und Funktionalität nieder. Kulturweit erfahrene Weisheit spiegelt sich hier im jüdisch-christlichen Schöpfungslob des Buches Genesis wider.


Aus Ost und West, Süd und Nord finden die Schöpfungsmythen im Dialog urspringenden Seins eine Aufnahme und gipfeln im Begriff ‚Lehm’ aus. Asiatische Weisheit genauso wie solche aus Babylon, Mesopotamien, Ägypten, aber möglicherweise auch die aus Afrika und aus Ur-Amerika, ebenso die der Aborigines oder Ainus und die des weltweiten Schamanentums korrespondieren gesammelt – verborgen -  im redaktionellen Bibelwort des Schöpfers „Es werde“ – „und es ward.“  


<Auch wenn nicht jede Tradition oder Übersetzung die verschiedenen  Urwörter für diese Materie mit ‚Lehm’ von einer Kultur in eine andere ‚hinübersetzt’, sondern im Rahmen ihrer jeweiligen ideologisch- theologischen Perspektive mal mit Erde oder Staub, mal mit ‚Lehm’ oder ähnlich in ihrer  Sprache wiedergibt, so umfasst doch der Bedeutungsradius der Übertragungen in jedem Fall mehr als nur die Definition eines stofflichen Materials.


Die gängigen  deutschen Übersetzungen mit ‚Erde’ oder ‚Acker’ in der jüdisch-christlichen Schöpfungsgeschichte Genesis 1+2 sind navigiert auf das Straf-Urteil über die Schlange als der Verursacherin des Sündenfalls und der weltweiten Erlösererwartung – und der späteren Absolutionsbräuche der Kirche.


Durch  die Übersetzung mit ‚Lehm’ werden die verschiedenen hebräischen Wörter dem mythologischen Urverständnis des Bedeutungsbereichs mehr gerecht als ein nominalistisch-biblizistisches Begriffsverständnis. Zudem ist die Sinnübertragung dem gestellten Thema angemessener als das vordergründige Bibelverständnis.  (vgl. dazu auch die bekannte wissenschaftliche‚Apparatur’, auf die ich bewusst verzichtet habe, weil ich kein scheinwissenschaftliches Expose auf ein paar Seiten beitragen wollte.)>


Mythen scheinen untereinander global und über Zeit und Raum hinweg in Kontakt zu sein. Solche Verbindung kann als Überlagerung geschehen, sie kann aber auch wie eine sich selbst korrigierende Reinigung wirken. Während Selbstkorrekturen archaisch-globaler mythologischer Weisheit meist nur eine fast definitive Vorstellung von sich hervorbringen, weil sie die früheren Schichten einfach verschlungen haben, erscheinen Überlagerungen meist dynamisch-korrelativ als Prozess, weil die Ur-Elemente als Phänomen noch sichtbar miteinander in Wechselbeziehung verharren.


Der menschliche Wahrnehmungsprozess bzw. die Selbstdarstellung des jeweiligen Mythos ist des weiteren wiederum dynamisch-korrelativ, weil die menschliche Kapazität immer nur eines Teils des Gesamtmythos gewahr wird, während der Mythos selbst gesamthaft prozessiert und sich entwickelt. So sind die mythologischen Darstellungen in jeder geschichtlichen Epoche und auch in jedem Raum der Welt unterschiedlich und doch möglicherweise universal identisch verbunden. Jedenfalls vernetzen sich Mythen über regionale Grenzen hinweg zu einem fast transzendenten Erfahrungsreichtum. 


Im archaisch-globalen Schöpfungsmythos verbindet sich der ‚Lehm’ ausdrücklich mit göttlichem Geist zur lebendigen ‚adama’, zum Menschsein. Gott formt den Menschen aus Lehm und haucht ihm den Lebensatem ein. Die dem Lehm unverwechselbar eigene Beschaffenheit wird im heiligen Akt zur menschlichen Realität schlechthin. Lehm wird zum prinzipiellen Adhäsions- und Kohäsionsmaterial des ewigen Schöpfungs- und Erhaltungsprozesses der Welt erhoben. Der Bund der Schöpfung mit Werden und Vergehen, mit Leben und Tod, mit altem und neuem Sein hat sich somit im Wesen des Lehms eingebunden. Lehm bindet zusammen und lässt auch wieder frei, wenn Verbinden und Trennen, Gebähren und Sterben es nach mystischem Maß so wollen.


Im Lehmverbund halten der Urstoff und  die Einschlüsse wie Ton, Mergel, Glimmer und anderem als Masse zusammen. Energien in ständiger Wechselwirkung – nicht statisch wägbare Korpuskeln – scheinen  die Potenzen des Gebindes auszumachen, welche auch zur Heilung und Therapie genutzt werden können. In der bildenden Kunst und der praktischen Töpferei verwandelt sich die dem Lehm innewohnende Kraft sowohl in die ästhetische Ausstrahlung der Skulptur als auch in die tägliche Notwendigkeit des Gefäßes. In der religiösen Erzählkunst ruft Jesus sogar die Energie in den Lehmvögeln hervor, dass sie leibhaftig auf- und davonfliegen


Solche Lehm-Energie hat demgemäß nach dem biblischen Zeugnis ihre archaischen Wurzeln in noch fernerer Herkunft als in der vorliegenden Erzählung Genesis 1+2. Diese feuchte irdene Masse aus Staub und Grundwasser ist zwar der Ur-Stoff bei der Schöpfung Adams. Der korpuskelhafte Staub aber und das Wasser weisen auf eine noch archaischere Schöpfung hin, welche zu dem großen „Moses-Mythos“ und zu dem „Wunder allen Lebens aus dem Wasser“ gehört. Die schöne Episode der Auffindung des Moses-Körbchens im Nil durch Pharaos Tochter weiß dieses Geheimnis allen Seins zu entmythologisieren und dem alltäglich-plastischen Denken zu übergeben. Und jede heutige Geburt bestätigtet es: Das Leben kommt aus dem Wasser. Gerade aber diese noch ältere Weißheit hat dem Material ‚Lehm’ die bindende und trennende Lebenspotentialität zugesprochen und eingestiftet.


Indessen bedurfte die  ästhetische Verwirklichung solcher Ur-Möglichkeiten, wie sie das biblische Schöpfungshandeln bezeugen, solcher realistischen Verwirklichung. Mythen sind ja eigentlich ständig auf Realisierung in Raum und Zeit angewiesen.  Aus dem mythischen Ur-Geschehen musste Zwischenmenschlichkeit und Sinnlichkeit werden. Der Geist Gottes – also das ständige Urspringen allen Lebens -  wurde dem Lehm eingehaucht. Leben entfaltete sich. Mann und Frau, Geschöpfe und Schöpfung entdeckten sich erotisch miteinander. Und die Realität und Schönheit der Schöpfung traten hervor.


Aber Gesetz und Vorschrift kamen sofort mit ins Spiel, als ob die ‚So-wie-es-ist-heit’  alles Geschaffenen nicht ohne die Einmischung von Gesetz und Regel zu haben wäre. Ist wirkliche Kunst die Gradwanderung zwischen Gesetz und dynamischer Weite?  Der Lehm scheint noch am meisten von seinen in ihm hervorgerufenen Ur-Fähigkeiten bewahrt zu haben und weitergeben zu können: Freiheit und Zukunftsvision in der Abgrenzung  von Gesetztem und Gerahmtem. Lehmkunst ein Grenzbezirk zwischen mystischer Freiheit und immanentem Zwang? 


<Solche Freiheit ist nicht kausal durch äußere Begründungen gewährleistbar, sondern sie lebt aus dem korrelativen Vollzug zwischen Grenze und Weite selbst. Die konstitutive Dialektik aus Materie und Gottesgeist bedingt auf die Dauer diese  Freiheit und wird sich zu ihren Gunsten durchsetzen. Freiheit gehört zum Leiden, indem solches gelassen gelitten wird: d.h.  das ‚ Leiden leiden’ bzw. das ‚Nichts sich nichten  lassen’. Das ist das Urspringen der Energie, die den Lehm zum ‚Urstoff Religion’ machen kann.>

 

Zwang wird oft durch Mangel an diesen dialektischen-dynamischen Seinsbedingung erfahren, so wie es in rein rational-logistischen Systemen auftritt. Zwanghaft hektische Lebensweise macht sich bisweilen dabei unbewusst als Mangel an der Religion bemerkbar, die sich in der mystischen Tiefe der Seinsfrage aufhält und das schnell fertige Reden von  institutional- konfessioneller und ritueller ‚Religion’ meidet.>  


In dem spätchristlich -aufgeklärten Weltbild mit seinen modernen Lebens- und Umwelts-problemen – zu denen unleugbar die ganze Palette von Bauen und Wohnen gehört – findet die Frage nach menschengerechtem Dasein einerseits und Architektur gebundenem Konstrukt andererseits durch die Potentialität des Lehms eine mögliche Lösung, insofern die vermittelnde Kraft des ewigen und somit gegenwärtigen ‚Gotteshauches’ in irdischem Material die ontologisch-technokratischen Gegensätze zu überbrücken vermag.

 

Am Beispiel der entdeckten Eigenschaften des Lehms erweist sich die harmonisch-ganzheitliche Einheit des Daseins als Korrelation alles Geschaffenen zueinander.

 

Der im biblischen Schöpfungsbericht am Menschen und in der Humanität fokussierte Mythos hält das Wissen um die Dialektik allen Daseins wach und entlarvt die Sterilität des Lebens als die materiell verflachte, unmögliche Möglichkeit allen Seins.  

 

 

                                                           Ende



Der Dialog des Glauben

Von Klaus Otte geschrieben am: 02.02.2007 unter Vorlesungen

Abschiedsvorlesung in der Peterskirche zu Basel am 02. Februar 2007

Die Antwort des Glaubens” war der Titel des Lehrbuches für Systematische Theologie, an dem ich zusammen mit Heinrich Ott und anderen Kollegen seit Beginn meiner Tätigkeit als Pfarrer und Universitätslehrer mitarbeiten konnte. Dieses Lehrbuch wurde in Deutschland und in der Schweiz gerne zur Examensvorbereitung gebraucht. In Beirut und Kyoto diente es mir als Leitschnur und Erfahrungssparring bei meinen Gastprofessuren. Im letzten Jahr wurde dieses Gemeinschaftswerk sogar in Chinesisch herausgebracht.

[Zum Rest des Beitrages! »]


Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8